Brief an die Mutter, 9. November 1847

Annette von Droste-Hülshoff ist auf der Meersburg zu Besuch. Dort leben ihre Schwester Jenny und Jennys Mann Joseph von Laßberg. Im Brief meldet sich Droste bei ihrer Mutter mit Neuigkeiten aus der nahen Schweiz: Dort ist ein Streit zwischen konservativen und liberalen Kantonen entbrannt. Die katholischen Kantone haben sich zum Sonderbund zusammen geschlossen. Sie wollen den Einfluss von den protestantischen Kantonen abwehren. Der Sonderbund-Krieg endet am 23. November 1847 mit der Niederlage der Katholiken.
Thema
Briefe
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Brief an die Mutter, 8. November 1847
Brief an die Mutter, 9. November 1847

An Therese von Droste-Hülshoff in Bökendorf

 

 

Meersburg, 9. November 1847, Dienstag

 

[…] – Die armen Sonderbündler! – 30,000 gegen 100,000! – Gottes Hülfe muß das Beste thun, und dann ihre Begeisterung und gänzliche Todesverachtung. – Der arme kleine, als Gränzland und dazu völlig flaches TERRAIN gradezu preisgegebne CANTON ZUG zählt nur 15,000 Einwohner, diese sind neulich sämmtlich an Einem Tage, Männer, Frauen und Kinder, in Einsiedeln gewesen, haben die Sakramente empfangen, und sich alle zum Tode einsegnen lassen. So Ewas geht Einem doch durch Mark und Bein! – Man hört hier auch sonst so Vieles von den Urkantonen, ihrer Bewaffnung und Kampfart, daß Einem ist wie im Traume, - von dem Urner Signalhorn (dem Stier von Uri) das eine ganze Schlacht übertönen, und so fürchterlich klingen soll, daß in früheren Kriegen die feindlichen Feldherrn immer sehr den Eindruck auf ihre Truppen gefürchtet haben. – Von den Morgensternen (hier Fidelisprügel genannt, weil der h. Fidelis mit einem Streitkolben erschlagen ist) mit denen ein Theil der Schwyzer bewaffnet ist, und die sie im Handgemenge mit so großer Kraft zu brauchen wissen, daß von jedem Schlag ein Mann fällt, - Von den langen Flinten der Unterwaldner und Walliser Scharfschützen, die durch die Felslücken gesteckt werden und tausend Schritt weit tragen sollen; - kurz, es ist Alles, wie in einem fabelhaften Traume, aus dem man leider nicht erwachen kann. – Die Jesuiten gehen überall als Feldprediger mit. – Flüchtlinge kommen im Ganzen wenig, - es scheint ein Grundsatz der Sonderbündler zu seyn ihre Kinder und Kranken nicht ins Ausland sondern in die Berge zu flüchten, um desto mehr Grund zum äußersten Widerstande zu haben; - Die Frauen gehen fast Alle mit ihre Brüdern, Männern, Vätern, um die Verwundeten zu pflegen, und bey Hauptschlachten, hinter dem Heere aufgestellt, die Ihrigen zu ihrer Vertheidigung auf Aeußerste zu treiben. – Heute haben wir den Neunten – Morgen sollen die Feindseligkeiten beginnen, und zwar an der Grenze von Freiburg; - Gott schütze das Recht! – hier in Baden giebts nur Eine Stimme, - für den Sonderbund, und zwar von Unfreommen wie von Frommen, da die armen kleinen CANTONE eben so wohl für ihre Freyheit wie für ihren Glauben fechten, und die Jesuitenfrage von den großen offenbar nur vom Zaune gebrochen ist, um bey dieser Gelegenheit die kleinen einzuschlucken; - Genug hiervon, sonst frißt die Schweiz mein ganzes Blatt auf, und Du ließt wohl Alles besser in den Zeitungen. - […]