Brief an die Mutter, 9. Oktober 1820
- Thema
- Briefe
- Alter
- 10-99
- Material
- Text Audio
- Sprache
- Deutsch
Hülshoff, 9. Oktober 1820, Montag
An meine liebe Mutter
[...]
So habe ich geschrieben, immer im Gefühl der äußersten Schwäche, und oft wie des Unrechts, und erst seitdem ich mich von dem Gedanken, für die Grossmutter zu schreiben völlig frey gemacht, habe ich rasch und mit mannigfachen, aber immer erleichternden Gefühlen gearbeitet, und, so Gott will, zum Segen. – Die wenigen zu jener mislungenen Absicht verfertigten Lieder habe ich ganz verändert, oder wo dieses noch zu wenig war, vernichtet, und mein Werk ist jetzt ein betrübendes aber vollständiges Ganze, nur schwankend in sich selbst, wie mein Gemüth in seinen wechselnden Stimmungen.
So ist dies Buch in deiner Hand! – Für die Grossmutter ist und bleibt es völlig unbrauchbar, so wie für alle sehr fromme Menschen, denn ich habe ihm die Spuren eines vielfach gepreßten und getheilten Gemüthes mitgeben müssen, und ein kindlich in Einfalt Frommes würde es nicht einmahl verstehn, auch möchte ich es auf keine Weise vor solch reine Augen bringen, denn es giebt viele Flecken, die eigentlich zerrissene Stellen sind, wo eben die mildesten Hände am härtesten hingreifen, und viele Herzen die keinen Richter haben, als Gott, der sie gemacht hat.
Daß mein Buch nicht für ganz schlechte, im Laster verhärtete Menschen paßt, brauchte ich eigentlich nicht zu sagen, wenn ich auch Eins für Dergleichen schreiben könnte, so würde ich es doch unterlassen.
Es ist für die geheime, aber gewiß sehr verbreitete Sekte Jener, bey denen die Liebe größer wie der Glaube, für jene unglücklichen aber thörichten Menschen, die in einer Stunde mehr fragen, als sieben Weise in sieben Jahren beantworten können.
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Hülshoff, den 9ten Oktober 1820






