Der Knabe im Moor

Das Gedicht entsteht in den Jahren 1841 und 1842. Annette von Droste-Hülshoff schreibt es am Bodensee. Der Text spielt aber in der sumpfigen Heidelandschaft von Westfalen. Ein Kind muss auf dem Schulweg durch das dunkle Moor gehen. Der Junge sieht sich bedrängt von Spuk-Gestalten aus Volks-Sagen. Zu Lebzeiten wurden sie verflucht: Der Gehilfe des Torfstechers hat seinen Chef betrogen. Die Spinnerin Eleonore hat zu viel Wolle in Rechnung gestellt. Der Musiker hat bei einer Hochzeit die Brautgabe gestohlen. Margreth erinnert an die Figur Grete aus dem Theaterstück Faust vom Autor Johann Wolfgang von Goethe. Der Knabe im Moor erinnert auch an das Gedicht Der Erlkönig von Goethe. Doch bei Annette Droste geht es gut aus.
Thema
Lyrik Natur
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Der Knabe im Moor
Der Knabe im Moor

O schaurig ist's über's Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist's über's Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über der Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Haage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran als woll' es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodey;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth:
"Ho, ho, meine arme Seele!"
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählig gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O schaurig wars in der Haide!

 

 

 

Gräberknecht] Torfstecher.

Spinnlenor’] Die Davert, eine Waldheide südlich von Münster, war im Volksglauben ein Treffpunkt für die verschiedensten Gespenster, zu denen auch Spinnerinnen gehörten. Vgl. Das haspelnde Weib von F. Heitemeyer. Dieses wurde meist als Spinnlenore bezeichnet.

verdammte Margreth] vgl. Spinnlenore: Im Münsterland war aber auch die Spinnmargrete bekannt, die von einer Hexe wegen ihres Fehlverhaltens auf ewig zum Spinnen in der Heide verurteilt worden war.

Moorgeschwele] hier: Nebeldünste des Moors.

Scheide] Grenzscheide zwischen Moor und festem Boden.