Der zu früh geborene Dichter

Annette von Droste-Hülshoff schrieb aus Leidenschaft. Sie fand Effekte unwichtig. Sie wollte erst 100 Jahre nach ihrem Tod als Dichterin ernst genommen werden. In diesem Gedicht geht es um das Schreiben selbst. Ein Mensch schreibt Er vergissst seine eigenen Ziele und folgt der Mode. Er bemerkt seinen Fehler, aber es ist zu spät. Das Gedicht bezieht sich auf Annettes eigene Erfahrung als Frühgeburt, die von einer Amme aufgezogen wurde.
Thema
Schreiben Droste
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Der zu früh geborene Dichter
Der zu früh geborene Dichter

Acht Tage zählt' er schon, eh ihn
Die Amme konnte stillen,
Ein Würmchen, saugend kümmerlich
An Zucker und Kamillen,
Statt Nagel nur ein Häutchen lind,
Däumlein wie Vogelsporen,
Und Jeder sagte: „armes Kind!
Es ist zu früh geboren!“

Doch wuchs er auf, und mit der Zeit
Hat Leben sich entwickelt,
Mehr als der Doktor prophezeit,
Und hätt' er ihn zerstückelt;
Im zähen Körper zeigte sich
Zäh wilder Seele Streben;
Einmal erfaßt — dann sicherlich
Hielt er, auf Tod und Leben.

In Büchern hat er sich studirt
Hohläugig und zu Schanden,
Und durch sein glühes Hirn geführt
Zahllose Liederbanden.
Ein steter Drang — hinauf! hinauf!
Und ringsum keine Palme;
So klomm er an der Weide auf
Und jauchzte in die Alme.