Die Taxuswand

Das Gedicht entsteht im Winter von 1841 und 1842. Es erinnert an eine vergangene Liebesbeziehung. Die Erinnerung spielt sich auf dem Bökerhof ab. Der Bökerhof ist das Familienanwesen von Annette von Droste-Hülshoffs Mutter. Der Hof liegt in Ostwestfalen. Im Garten steht eine dunkle und abweisende Taxuswand. Das ist eine Wand aus Eiben. Die Eibe ist ein giftiger Baum. Der Ort wirkt also giftig. Die Beziehung vor über 20 Jahren wurde durch einen Hinterhalt vergiftet.
Thema
Natur
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Die Taxuswand
Die Taxistand

Ich stehe gern vor dir,
Du Fläche schwarz und rauh,
Du schartiges Visier
Vor meines Liebsten Brau',
Gern mag ich vor dir stehen,
Wie vor grundirtem Tuch,
Und drüber gleiten sehen
Den bleichen Krönungszug;

Als mein die Krone hier,
Von Händen die nun kalt;
Als man gesungen mir
In Weisen die nun alt;
Vorhang am Heiligthume,
Mein Paradiesesthor,
Dahinter Alles Blume,
Und Alles Dorn davor.

Denn jenseits weiß ich sie,
Die grüne Gartenbank,
Wo ich das Leben früh
Mit glühen Lippen trank,
Als mich mein Haar umwallte
Noch golden wie ein Stral,
Als noch mein Ruf erschallte,
Ein Hornstoß, durch das Thal.

Das zarte Epheureis,
So Liebe pflegte dort,
Sechs Schritte, - und ich weiß,
Ich weiß dann, daß es fort.
So will ich immer schleichen
Nur an dein dunkles Tuch,
Und achtzehn Jahre streichen
Aus meinem Lebensbuch.

Du starrtest damals schon
So düster treu wie heut',
Du, unsrer Liebe Thron
Und Wächter manche Zeit;
Man sagt, daß Schlaf, ein schlimmer,
Dir aus den Nadeln raucht, -
Ach, wacher war ich nimmer,
Als rings von dir umhaucht!

Nun aber bin ich matt,
Und möcht an deinem Saum
Vergleiten, wie ein Blatt
Geweht vom nächsten Baum;
Du lockst mich wie ein Hafen,
Wo alle Stürme stumm,
O, schlafen möcht ich, schlafen,
Bis meine Zeit herum!


 

 

Taxuswand] Taxus: Eibe.
schartiges] Adjektiv zu Scharte: Verletzung, Lücke./ »durch schneiden, hauen, brechen entstandene verletzung, lücke, vertiefung, öffnung« (Grimm, Deutsches Wörterbuch)