Im Grase

Ein Mensch liegt auf einer Wiese. Er ist in eine Art Halbschlaf versunken. Alle seine Sinne sind auf Empfang gestellt. Das Gedicht schildert zu Beginn einen seligen Taumel. Annette von Droste-Hülshoff schreibt es im September und Oktober vom Jahr 1844. Sie spürt darin einer erotischen Begegnung nach. Mit dem letzten Wort aus der ersten Strophe wechselt die Stimmung plötzlich. Verstorbene Geliebte und erkaltete Gefühle bringen sich in Erinnerung. Sie zeigen: Alles ist vergänglich. Und dennoch: Jeder einzelne Augenblick ist wichtig. Das kann ein Händedruck sein oder der Gesang eines Vogels. Oder auch das aufblitzende Sonnenlicht. Egal wie flüchtig.
Thema
Lyrik Vergänglichkeit
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Im Grase
Im Grase

Süße Ruh', süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arom umhaucht,
Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk' am Azure verraucht,
Wenn aufs müde schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüth' auf ein Grab.

Wenn im Busen die Todten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloss'ne Wimper bewegt,
Todte Lieb', todte Lust, todte Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flücht'ger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des zieh'nden Vogels Lied,
Das mir niederperlt aus der Höh',
Als des schillernden Käfers Blitz
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der flücht'ge Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine nur: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck
Und für jedes Glück meinen Traum.