Wie sind meine Finger so grün

Es ist klar: Man kann ein Lebewesen aus Versehen verletzen. Aber kann man sich auch aus Versehen schuldig machen? Das Gedicht gibt keine klare Antwort. Es endet sogar mit einer Art Schulter-Zucken. Das Gedicht handelt von dem Tod von Blumen. Sie werden gepflückt. Sie sterben. Das Gedicht hat eine Geschichte: Annette von Droste-Hülshoffs Beziehung zum Studenten Heinrich Straube. Andere Menschen haben im Juli 1820 die Beziehung zerstört. Aber Annette von Droste-Hülshoff plagen Schuldgefühle. Sie erfindet das Gedicht im Garten vom Bökerhof aus dem Stehgreif.
Thema
Natur Beziehungen
Alter
10-99
Material
Text Audio
Sprache
Deutsch
Wie sind meine Finger so grün
Wie sind meine Finger so grün

Wie sind meine Finger so grün?
Blumen hab ich zerrissen.
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen.

 

Wie neigten sie um mein Angesicht,
Wie fromme schüchterne Lieder.
Ich war in Gedanken, ich achtet’s nicht
Und bog sie zu mir nieder.

 

Zerriss die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut.
Da floss ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder.
 

Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben sonder Laut.
Nur dunkel ward ihr Angesicht,
Wie wenn der Himmel graut.

 

Sie konnten mir’s nicht ersparen,
Sonst hätten sie’s wohl getan.
Wohin bin ich gefahren
In trüben Sinnens Wahn?

 

O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleicht’s dem Leben viel.
Lasst mich die Augen schließen.

 

Denn was geschehn ist, ist geschehn,
Und wer kann für die Zukunft stehn?