Antisemitismus im Wandel

Hier entsteht ein neues Droste Pad.
Thema
Erinnern Geschichte Antisemitismus
Alter
16–99
Dauer
mehr als 120 Minuten
Material
Text Audio
Aktionen
Sprache
Deutsch
Einführung

Das Droste Pad »Antisemitismus im Wandel« ermöglicht einen Einblick in den historischen Wandel und die gesellschaftliche Wandelbarkeit von Antisemitismus. Einen Schwerpunkt bilden die Erfahrungen einer Holocaustüberlebenden. Ziel dieses Bildungstools ist, über den historisch-literarischen Zugang eine individuelle Auseinandersetzung mit den Themen Antisemitismus und Holocaust anzuregen. Grundlage hierfür sind Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche (1842) sowie die Memoiren der Holocaustüberlebenden Bela Winkens in ihrem Brief an die Mutter (2025). 

Im ersten Abschnitt werden die verschiedenen Facetten des Begriffs »Antisemitismus« thematisiert und damit eine Definitionsgrundlage geschaffen. Im zweiten Abschnitt wird Judenfeindlichkeit im 19. Jahrhundert beispielhaft an Ausschnitten aus Die Judenbuche veranschaulicht. Dem von außen geschaffenem Bild jüdischer Menschen in der Novelle tritt im dritten Abschnitt die Innenperspektive einer Holocaustüberlebenden entgegen. Der Perspektivwechsel ermöglicht einen radikalen »Realitätscheck«. Die Verschmelzung autobiographischer, historiographischer, künstlerischer und psychologischer Elemente in Bela Winkens Werk schafft ein breites Spektrum von (Selbst-)Bezugsmöglichkeiten. Abschließend soll der Gegenwartsbezug auf das Fortbestehen von Antisemitismus aufmerksam machen und zur Selbstreflexion anregen.

Lehrkräfte und Personen im Bereich der Vermittlungsarbeit können das vorliegende Pad als Anregung für Unterrichtseinheiten, Workshops etc. verwenden. Aber auch interessierte Einzelpersonen aller Altersgruppen können sich eigenständig, ortsunabhängig und zeitlich flexibel mit den Inhalten des Pads auseinandersetzen. Die Bearbeitung des gesamten Droste Pads nimmt in Einzelarbeit drei Stunden in Anspruch – dreieinhalb bei zusätzlichen Gruppendiskussionen. Wir ermutigen alle, die sich für das Thema interessieren, aber wenig Zeit mitbringen, die Kapitel durchzuschauen, sich nach eigenem Interesse einzulesen und einzelnen, selbst gewählten Anregungen nachzugehen. 

Was ist »Antisemitismus«? Definitionen und Historischer Überblick

Die folgenden Versuche, den Antisemitismusbegriff einzugrenzen, sollen bei der Bearbeitung der weiteren Kapitel helfen.

Als (christlicher) »Antijudaismus« wird eine bis auf die Antike zurückreichende Feindschaft gegenüber dem Judentum bezeichnet. Besonders anhand religiös begründeter Kriterien wurden Jüdinnen und Juden systematisch stigmatisiert und ausgegrenzt. Reale jüdische Vorstellungen und Praktiken waren bei der Abgrenzung und Inszenierung eines vermeintlich überlegenen christlichen Selbstverständnisses nur nebensächlich. Das Judentum zu dämonisieren stärkte die christliche Identität ebenso wie eine christliche Gewaltbereitschaft gegenüber Jüdinnen und Juden. Diese Bereitschaft entlud sich im Verlauf der Geschichte unter anderem in gewaltsamen Ausschreitungen (sogenannte Pogrome) gegen die jüdische Minderheit.[1]

Wiederum steckt hinter dem Begriff »Antisemitismus« eine ursprünglich auf das 19. Jahrhundert zurückgehende politische Weltanschauung, die Jüdischsein als rassistisch begründetes Feindbild erschuf. Demzufolge übe das Judentum als »Volk, Nation oder Rasse« eine gesellschaftlich schädliche Wirkung aus, die abgewehrt werden müsse. Sowohl der religiös begründete, historische Antijudaismus als auch seine verschiedenen modernen, nicht-religiösen Ausprägungen werden häufig unter der Sammelbezeichnung »Antisemitismus« zusammengefasst.[2]

Antisemitismus hat somit viele Gesichter. Eine alle Variationen und Schattierungen berücksichtigende Arbeitsdefinition zu finden, erweist sich als schwierig.[3] Zwei verbreitete Definitionen stammen von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) einerseits und der Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA) andererseits:

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. [4]
IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance)
Antisemitism is discrimination, prejudice, hostility or violence against Jews as Jews (or Jewish institutions as Jewish). [5]

Übersetzung: Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Juden als Juden (oder jüdische Institutionen als jüdisch).
JDA (Jerusalem Declaration on Antisemitism)

Diese Definitionen verdeutlichen, dass Antisemitismus sich gegen das real oder nur vorgestellt »Jüdische« richtet. Der Mensch als Individuum verschwindet hinter stereotypen Merkmalen. Sein Selbstverständnis spielt keine Rolle. In der Forschung wird darauf hingewiesen, Antisemitismus historisch nicht als unveränderlichenFremdenhass zu verstehen. Stattdessen müsse auch die Wandelbarkeit von Judenfeindschaft berücksichtigt werden: Antisemitismus hatte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten verschiedene gesellschaftliche Funktionen und Ziele.[6]

Eine gesonderte Stellung nimmt das nationalsozialistische Deutschland des 20. Jahrhunderts ein. Mit fanatischem Judenhass ermöglichten die Nationalsozialisten im Verlauf des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) die systematische Vernichtung von mindestens sechs Millionen Menschen: die Shoah, auch als »Holocaust« bezeichnet.  Dem Historiker Wolfgang Benz zufolge gipfelte in dieser Katastrophe der »Antisemitismus als Weltanschauung in der Realität des Völkermords«[7]. Besonders auf dem Gebiet des östlichen Europas (schwerpunktmäßig Polen, Litauen, Belarus und die Ukraine) wurden, unabhängig von Alter und Geschlecht, Massenerschießungen an Juden durchgeführt. Die jüdische Bevölkerung wurde zudem in abgeriegelten Stadtvierteln, sogenannten Ghettos, unter katastrophalen Lebensbedingungen eingepfercht. Jüdische Ghettos im tschechischen Theresienstadt oder polnischen Warschau waren aber nur ein Zwischenstopp. Die Deportationen endeten in den meisten Fällen in großen Konzentrationslagern wie Ausschwitz. Hier wurden jüdische Menschen durch Zwangsarbeit, Hunger, medizinische Experimente, Erschießungen und Giftgas ermordet.

Jüdische Menschen in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle 'Die Judenbuche' (1842)
Bela Winkens’ 'Brief an die Mutter' (2025)

Anleitung

Die Bearbeitungsdauer des vollständigen Kapitels beträgt zwei Stunden. Lies zunächst den biografischen Überblick zu Bela Winkens' Leben. Widme dich anschließend den fünf Auszügen aus ihrem Text. Zu jedem Auszug gibt es Anregungen für eine intensivere Auseinandersetzung, die Du als Orientierungshilfe nutzen kannst. Der erste Auszug sollte als Einführung verpflichtend angehört werden. Die Bearbeitungsdauer von zwei Stunden kann bei Bedarf auch verkürzt werden, indem nicht alle darauffolgenden Ausschnitte behandelt werden.

Bela Winkens: Biografischer Überblick

»Bela Winkens wurde 1941 als Bela Heymann in Berlin geboren. Ihre Großeltern und Eltern wurden 1942 bzw. 1943 in KZs deportiert und ermordet. Bela kam zuvor [] durch ihren Großvater zu Verwandten ins Ruhrgebiet und im Juni 1943 wurde sie in Bochum in einem katholischen Kinderheim untergebracht. Das Heim wurde in der folgenden Nacht bombardiert, die Kinder wurden evakuiert. So blieb sie als 'Elisabeth' in Nordhessen, ihre Identität flog dennoch auf, sie wurde ins Jüdische Krankenhaus in Berlin gebracht, von dort nach Theresienstadt deportiert. 1946 nahm das Ehepaar Winkens sie in Düsseldorf auf und adoptierte sie. Mitte der Fünfzigerjahre spielte sie in einem Theaterstück im nahegelegenen Holland die Rolle der Anne Frank, nach dem Abitur schloss sie eine Schauspielausbildung in Berlin ab und arbeitete danach als Schauspielerin. Erst 1996 war sie in der Lage, ihre Memoiren als Brief an ihre Mutter niederzuschreiben.«[12]

 


Der Holocaust als Trauma – Zwischen Vergessen-Wollen aber Erinnern-Müssen und Erinnern-Wollen aber Vergessen-Müssen

Bearbeitungsdauer: 40 Minuten

Anregungen

  1. Halte etwas zum Schreiben bereit und starte die Audiodatei. Fallen Dir sprachliche Besonderheiten auf? Notiere beim Hören markante Wörter / Ausdrücke und solche, die außergewöhnlich ausgesprochen werden. 

  2. Nach dem Hören der Audiodatei:

    Schaue Dir Deine Notizen an. Welchen Effekt hatten die von Dir aufgeschriebenen Worte beim Zuhören auf Dich? Schreibe dies stichpunktartig neben jedes notierte Wort. Zum Beispiel: 

    1. Wort: Er-innern Effekt: Irritation, Stolpern, Umdenken

  3. Woran erinnert sich Bela Winkens? Was erschwert die Erinnerung? Und warum ist es ihr wichtig, sich zu erinnern? Schreibe Deine Antwort als kurzen Text (10 bis 15 Sätze) auf. 

  4. Mit Worten zeichnet Bela Winkens ein mehrstöckiges und verwinkeltes Erinnerungsgebäude. Könnten wir eintreten? Inwiefern (nicht)? Positioniere Dich in einem kurzen Text (10 bis 15 Sätze). 

  1.  

Brief an die Mutter 1
Aus- und Eingrenzung – Deportation – Vernichtung. Wer wusste was?

Bearbeitungsdauer: 15 Minuten

Anregungen

  1. Beantworte bevor Du die Audio abspielst folgende Frage: Was bedeutet allgemein »Verantwortung« für Dich? Was verbindest Du mit diesem Begriff? Veranschauliche Deine Ideen mithilfe einer Mindmap. 

  2. Höre nun die zweite Audiodatei. Stelle Dir anschließend folgende Fragen: Welche Rolle spielt »Verantwortung« in Bela Wilkens Darstellung der Ereignisse? Wer übernimmt Verantwortung – und mit welchen Folgen? Wer übernimmt keine Verantwortung – und mit welchen Folgen? 

Brief an die Mutter 2
Menschlichkeit und Ent-menschlichung

Bearbeitungsdauer: 15 Minuten

Anregung: 

Im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes aus dem Jahr 1949 steht geschrieben »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Höre die dritte Audiodatei. Halte anschließend schriftlich fest oder diskutiert gemeinsam in der Gruppe: Wo zeigt sich in diesem Abschnitt von Bela Winkens Lebensgeschichte »Menschlichkeit« (als Ausdruck von Empathie und Würde)? Wie zeigen sich andererseits verschiedene Ausprägungen der Ent-menschlichung?

Brief an die Mutter 3
Der Preis eines Menschenlebens – Die Schuld eines Menschenlebens

Bearbeitungsdauer: 15 Minuten

Anregungen: 

  1. Bevor Du die Audiodatei abspielst, stelle Dir folgende Frage: Wie viel kostet ein Menschenleben? Notiere Deine Antwort in wenigen Stichpunkten. Höre anschließend die Audio. 

  2. Überlege nach dem Hören: Welchen »Preis« zahlen die Überlebenden? Wer steht in wessen »Schuld«?

 

Brief an die Mutter 4
Holocaust-Dichtung. Die (Un-)Möglichkeit, Worte zu finden

Bearbeitungsdauer: 35 Minuten

Anregungen:

  1. Höre das Gedicht von Bela Winkens und lass es zunächst nur auf Dich wirken. Höre es dann ein weiteres Mal. Notiere anschließend stichpunktartig Gedanken, Gefühle und Eindrücke, die Dir unmittelbar nach dem Hören in den Sinn kommen. Was kommt in dem Gedicht Deiner Meinung nach zum Ausdruck? Notiere Schlagworte.

  2. Höre nun das Gedicht Verwundert der jüdischen Lyrikerin und Holocaustüberlebenden Rose Ausländer (1901-1988) sowie das Gedicht Psalm des jüdischen Lyrikers und Holocaustüberlebenden Paul Celan (1920-1970).

    1. Verwundert  (24 Sek) 

    2. Psalm (1 Min 8 Sek) 

  3. Lassen sich in allen drei Gedichten Gemeinsamkeiten (Themen, Gefühle, Stil) finden? Wie könnten diese benannt werden?

Brief an die Mutter 5
Antisemitismus heute

Am 6. Oktober 2025 veröffentlicht Deutschlandfunk einen Artikel mit dem Titel »Juden in Deutschland: Beleidigt, bedroht und oft in Angst«. Der Hörfunksender schreibt: 

»Juden in Deutschland werden seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vor zwei Jahren vermehrt angefeindet, zeigt eine neue Studie. Auch die antisemitischen Straftaten sind deutlich gestiegen. Kann der Antisemitismus gestoppt werden?«[13]

Die letzten politischen und militärischen Eskalationen des Nahostkonflikts haben die gesellschaftlichen Gräben vertieft – auch in Deutschland. Die emotional aufgeheizte Debatte und radikalisierte Rhetorik lässt kaum Raum für Zwischentöne, die dem komplexen Konflikt gerecht werden könnten. Dies schafft einen idealen Nährboden, um alte und neue Mythen, Feindbilder und Ängste in Form von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus zu schüren. Zur gleichen Zeit verschwindet weltweit eine zentrale Säule der Holocaust-Aufklärung, die jüdischen Überlebenden, während Parteien wie die rechtsextreme AfD und ihre Anhänger einen »Schlussstrich« hinter der NS-Vergangenheit fordern. 

Was macht die oben geschilderten Entwicklungen so problematisch? Was können wir als Gesellschaft und was kann ich als Individuum tun, um dem entgegenzuwirken? Und warum ist es überhaupt wichtig, Verantwortung zu übernehmen – für das Holocaust-Gedenken und für den Schutz jüdischen Lebens? Funktioniert das eine ohne das andere? Die Fragen können auch gemeinsam in der Gruppe diskutiert werden.

Pad entwickelt von Maria Pauli. 

Eingesprochener Text: Brief an die Mutter von Bela Winkens, erschienen im Verbrecher Verlag, Berlin 2025.
Text eingesprochen von Lena Gorelik. Aufnahme und Schnitt von Nicolas Sierig.

Dieses Droste Pad wurde ermöglicht durch das Programm MITEINANDER REDEN, gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe".