
Worüber Orte sprechen können – Autor*innen unseres Wissens
- Thema
- ortsspezifisches Arbeiten Bewegung Erzählung Wissensvermittlung
- Alter
- 10–99
- Dauer
- 15 Minuten30 Minuten45 Minuten60 Minuten90 Minuten120 Minutenmehr als 120 Minutenmehrere Tage
- Material
- Bild Text Video Audio
- Aktionen
- Sprache
- Deutsch

„Willkommen hier an diesem Ort. Mein Name ist Henriette. Ich bin eine Frau, ein Mädchen, eine Greisin aus der Stadt. Ich komme nicht vom Land. Zudem bin ich eine Künstlerin.“
So, oder so ähnlich beginnen meine performativen Spaziergänge. Ich führe Gruppen durch eine Landschaft oder ein Gebäude, bleibe an ausgewählten Stellen stehen und erzähle auf unterschiedliche Weise etwas über diese zuvor erforschte Stelle. Somit erschaffe ich temporäre Bilder durch Sprache und Bewegung. Ich biete neue Kontexte an. Bilder, die wieder verschwinden, aber in den Zuschauer*innen und Zuhörer*innen Platz einnehmen und weiter getragen werden. Neue Bilder, die alte überschreiben.

An einem Ort, in einem Haus, an einer Stelle legen sich oft viele Schichten übereinander.
Dagewesenes ist verschwunden, ersetzt worden, verschoben oder gar vergessen.
In der Gegenwart sind nur noch Spuren zu sehen oder noch nicht einmal das.
Auf Bildern kann ich Vergangenes betrachten, ja, oder ich lese Texte und mache mir daraufhin ein Bild von
einem Ort und seiner Historie. Aber, wenn von den Überresten nichts sichtbar ist und auch nichts
dokumentiert wurde, wer erzählt dann? Was erzählt sich zum Beispiel von selbst und was erzählt die
Nachbarschaft? Was fällt mir auf; und scheinbar wirklich nur mir?
Die, im Folgenden benannten Methoden beschreiben eine performativ-körperliche Auseinandersetzung und Wahrnehmung von Räumen und Ereignissen. Ich gehe dabei davon aus, dass sich erlebtes, im Gegensatz zu rein gelesenem oder gehörtem Wissen, auf eine andere, oft intrinsische Weise in die Erinnerungen einschreibt.
An jeden Ort und in jede Erzählung trage ich meine eigene Biografie mit hinein. Meinen Ursprung, meine
Sprache, meine Prägung und mein Umfeld. Auch wenn ich dem Ort erst einmal ohne Vorwissen begegne, spricht doch ausschließlich das zu mir, was mich berührt. Meine Sinne sind gezeichnet.

Schenke ich meinen Wahrnehmungen dann noch etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit, beginnt sich der Ort
von einer Seite zu zeigen, der ich bewußt nachgehen kann. Ich komme in eine Bewegung und mit mir die
Auseinandersetzung.
Vor Ort mache ich zu meinen subjektiven Wahrnehmungen zahlreiche Notizen.
Meine Werkzeuge sind zunächst Papier und Stift. Ein Gerät um Sound, Stimmen und Bilder einzufangen und Zeichenmaterial kommen später dazu. Das Gesehene beschreibe ich, beim ersten Kontakt mit dem Ort, so detailliert wie möglich. Denn Details stellen eine Vielfalt an Möglichkeiten dar, sich angesprochen zu fühlen; und, in der Weitererzählung, die Zuhörenden abzuholen. Aus dieser ersten stillen Beobachtung heraus ergeben sich Fragen.
Welchen Alltag hat der Ort, wie wird er genutzt? Warum steht – beispielsweise – die blaue Bank neben einer
Haltestelle, statt darin?
Sie formen sich aus dem, was man sieht oder auf andere Weise wahrnimmt: was man fühlt, was man erinnert,
was man riecht, was man hört etc.

Den Fragen gehe ich nach.
Ich höre noch intensiver hin. Befrage Menschen. Lausche ihrer Art zu sprechen. Verabrede mich mit dem Gärtner, der Hausmeisterin, der Künstlerin der Region, dem Restaurator und der Frau, die immer abwesend ist. Besuche die „Zentren“. Wo trifft man sich hier? Kaufe Kleinigkeiten ein und komme ins Gespräch.
Ich zeichne auf. Umrunde Häuser und ihre Kanten mit den Augen. Finde auf Papier eine zeichnerische Form. Sehe einen Rhythmus, eine Wiederholung im Zaun. Und eine Störung.
Seit 7 Uhr früh singt der immer gleiche Vogel. Woher ist er gekommen? Was tut er nachts?
Tut Kommunismus eigentlich weh?
Wenn ich etwas sehe, was ich wirklich nicht kenne oder verstehe; etwas, was mich vielleicht sogar abstößt, taste ich mich heran. Dabei gehe ich so vor, wie ich es will und wie ich geprägt bin.
Ich kann den aufkommenden Fragen auf sehr unterschiedliche Weise nachgehen.

Ich spiele also eine Stunde Fußball gegen die Wand und laufe dann mit unsichtbaren Luftballons unter den Armen und sehr O-beinig eine Straße hinunter… zu einem Fußballfeld. Ich versuche mir vorzustellen, im Tor auf der anderen Seite steht ein Bekannter. Ich rufe über den Rasen.
Was ruft man sich denn zu? Als muskulöse Fussballerin versuche ich auch: zu sitzen und zu liegen.
Immer wieder entstehen neue Fragen…
Ich habe viel Zeit an diesem Ort verbracht. Der Ort kennt mich nun schon. Weiß, wie ich in ihm herumgehe,
herumstehe, etwas länger als andere auf ein Detail starre oder die Beschaffenheit eines Rollos überprüfe. Ich klopfe die Architektur ab und warte, ob sie Töne von sich gibt. Ich öffne Türen zwei-, dreimal. Auch dies, um zu hören, welchen Charakter sie hat, wie die Stimmung hier ist.

Das Rauschen des Bachs in meiner Nähe beschleunigt die Geschwindigkeit meiner Schritte.
Ich lege mich auf Stufen und stelle mir vor, wie hier vor 300 Jahren Menschen ihrer Wege gingen. Oder
Wasser floss. Oder Blut? Obst fiel aus Körben.
All das Material will nun gleichzeitig zu mir sprechen und ich muss selektieren, worum es hier geht.
Ich stelle mich in die Kulissen der Erzählungen, die hier erzählt werden wollen. Suche interessante Hintergründe, welche die Texte oder Themen untermalen könnten. Das gesamte Material sucht sich eine
Form, in der es sprechen möchte und an welchem Ort genau.

Ein Lied, eine wortlose Geste, eine Rezitation. Langsam kommt die Gruppe in mein Bewußtsein.
Diejenigen, denen ich etwas erzählen will.
Die Gruppe, mit der ich mich bewegen werde; die sich bewegen wird. Was hat sie zusammen geführt?
Zu wem werde ich sprechen? Werden sie sich darauf einlassen, sich vorzustellen, Bäume auf einer Wiese zu sein? Die Wege, die wir gehen, lassen sich nicht abkürzen.
Bei der Suche nach der Essenz meiner ortsspezifischen Forschung – denn irgendein Kernthema ploppt immer an einem Ort auf, irgendwann – lasse ich die Stimmen, die nach Fakten oder wissenschaftlichen Beweisen rufen nach und nach leiser werden.
„Danke, dass ihr da seid, aber ich brauche euch jetzt nicht mehr.“ Ich habe sehr viel über diesen Ort erfahren. Selbst, wenn ich vergessen sollte, etwas weiter zu erzählen, ist mein Wissen spürbar.

Auch das Weggelassene kommt zur Sprache. Denn wir bewegen uns in einer Erzählung; gehen über den Subtext, wie über einen Teppich. Wir sind die neue Geschichte hier. Das Teppich-Muster ist ganz individuell und verändert sich je nach Lichteinfall, je nach Wissensdurst. Von Spaziergang zu Spaziergang.

Der Spaziergang ist ein kollektives Ereignis und holt aus den Einzelnen individuelle Erzählungen, die alle zur gleichen Zeit über den gleichen Ort erzählt werden können. Jeder nimmt sich was er erfahren hat mit auf den Weg. Es gibt kein Un-Wissen. Alles darf gesehen werden. Auch wenn nichts da ist.

Der Walk, der performative Spaziergang ist nur eine Form der Weitergabe von Erzählungen.
Die beschriebenen Ansätze der Forschung sind aber auch hilfreiches Werkzeug für Literatur, Film, Musik, Bildende Kunst und im wissenschaftlichen Kontext.
Sie können Verstehen helfen bei der Erarbeitung von Theaterstücken, Texten, Bildern, Video-Installationen, Audio-Walks, Tänzen, Musiktheater-Werken oder wissenschaftlichen Abhandlungen und Dokumentarfilmen.
Weitererzählt werden kann auf unzählig verschiedene Weise.
Dieser Beitrag ist aus meiner subjektiven Sicht, der Sicht einer weißen Frau des 21. Jahrhunderts aus Europa geschrieben. Ich bin Künstlerin. Also forsche ich hauptberuflich. Ich lebe in Ostdeutschland.
Seit ich Mutter bin, schaue ich noch intensiver hin und versuche Worte zu finden, für das, was da ist.
Ich habe keine Vorstellung von etwas, dass ich nie sah, denke ich.






